Festivalbereicht: Das Spohn-Gymnasium aus Ravensburg auf dem SDL in Erfurt.

Am 24. September ging das einwöchige diesjährige Schultheater der Länder-Treffen in Erfurt zu Ende. Für Baden Württemberg dabei war das Spohn Gymnasium aus Ravensburg mit NICHTS, WAS IM LEBEN WICHTIG IST. Hier ein Festivalbericht.

Nichts vor ausverkauftem Haus

Vergangene Woche füllte die Theater-AG des Spohn-Gymnasiums zweimal das Theater Ravensburg mit ihrer eigenen Bearbeitung des dänischen Jugendbuches „Nichts, was im Leben wichtig ist“.

Wie überzeugt man einen, der sich vehement weigert, einen Sinn im Leben zu sehen, und von nun an nur noch im Pflaumenbaum sitzen möchte? Eine Schulklasse macht sich auf den Weg oder begibt sich eher in die Tiefen eines verstörenden Alptraumes, um Bedeutung im Sein nachzuweisen.

In eindringlichen, aber auch grenzwertig verstörenden Bildern durchleben zwölf junge Menschen die Abgründe der fanatischen Psyche. Überzeugend durchdacht erweist sich dabei die mutige Regieidee, die eigentlich im Baum sitzende Hauptfigur nicht durch einen Schauspieler zu verkörpern, sondern durch alle. Immer wieder schlüpft die gesamte Gruppe in die Figur dieses Pierre Anton, dessen fixe Idee wie ein böser Geist wiederholt von jedem einzelnen Besitz ergreift. Die Gruppe spricht Pierre Antons Passagen präzise im Chor, bewegt sich synchron und bündelt die Kraft des Theaterchores zu wabernden Klangteppichen oder einer bild- und stimmgewaltigen, beinahe greifbaren Wucht. Der Zuschauer spürt, wie Pierre Anton immer mehr Teil und Obsession der einzelnen Charaktere wird. Bei den konkreten Versuchen, Bedeutung und letztendlich Sinnhaftigkeit nachzuweisen, bleibt es nicht lange bei halbherzigen Versuchen, zweitrangig Materielles wie ein Fernrohr oder eine alte Geige aufzuschichten. Auf dem sogenannten Berg der Bedeutung, der auf der Bühne aus handelsüblichen EPA-Paletten besteht, landen bald ganz andere Dinge. Ein kleiner langsam dahinsterbender Hamster macht nur den Anfang einer wahrhaftigen Tour de Force. Dabei entsteht ein unwiderstehlicher Gruppenzwang, dem sich der Einzelne unterordnen muss. Bedeutung wird zur Religion. „Auf den Berg, auf den Berg!“, lautet das Motto, wobei Bedeutung bald daran gemessen wird, wie sehr deren Verlust schmerzt, und dann muss der Nächste mehr opfern. Umringt von Kreuzen schwingenden Figuren, verteidigt Elise den Sarg ihres kürzlich verstorbenen Bruders; die fromme Kai wird ans Kreuz genagelt und auf dem Berg der Bedeutung aufgestellt; Sofie verliert an Hans ihre Unschuld, nur um dann dem Hund Aschenputtel den Kopf und später Jan Johann den Finger abzuhacken.

Die im Folgenden blitzlichtartig auftretenden Erwachsenen entpuppen sich als Karikaturen. Möchte man zunächst pädagogische Ich-Botschaften platzieren oder pädagogische Keulen auspacken, besinnt man sich schnell eines Besseren, als plötzlich Shows und Museen aus den USA die Sache ausschlachten wollen. Der Psychologe wird dabei eine neue Abkürzung etablieren, die Schule steigende Anmeldezahlen verzeichnen und die Jugendlichen selbst den Berg verkaufen können.

Pierre Anton kann darüber nur lachen. Und genau das besiegelt sein Ende. Nach abstrakten Darstellungen von Gewalt und Schmerz erscheint sein Ende anmutig. Der Berg der Bedeutung brennt, indem das Ensemble das Bühnenbild exakt choreographiert mit roten Tüchern umhüllt.

Wo bleibt nun die Moral, wo bleibt die versöhnliche Einsicht, was denn nun etwas bedeutet. Muss das Schultheater jetzt eine Lehre liefern, die man sich einpacken und an die Wand hängen kann? War das zu viel für ein Stück, gespielt von Jugendlichen? Sollte man das besser lassen? Manche mögen hier vielleicht „große Kunst“ sehen, andere finden vielleicht die eine oder andere Grenzüberschreitung. Hatten die Dänen zunächst Recht, als sie dieses Buch auf den Index setzten oder hatten sie am Ende Recht, als sie es sich anders überlegten und dieses Buch auszeichneten? Aber halt! Wir sind auch noch im Theater und hier darf man das, hier muss man das.

Vielleicht gibt es dann doch etwas, das man neben der überragenden schauspielerischen Leistung, der authentisch dargestellten Verzweiflung und der Kraft des Ensembles mitnehmen kann:

„Mit der Bedeutung ist nicht zu spaßen, aber macht das Beste draus!“