Stellungnahme des LVTS e.V. zur Reform der Bildungspläne (2015)

GrundschuleGymnasiumSekundarstufe 1 Allgemein bildenden Schulen

Die Reform der Bildungspläne legt zu Recht besonderen Wert darauf, dass die individuelle Kompetenzentwicklung des Kindes und der Jugendlichen, also der „Bildungsprozess“, als zentraler Aspekt beachtet wird.

Die Bedeutung der Kulturellen Bildung für diesen Bildungsprozess wird u.a. auf Seite 40 in

„Kultur 2020 – Kunstpolitik für Baden-Württemberg“ beschrieben: „Kulturelle Bildung fördert kognitive, emotionale und kreative Kompetenzen. Sie trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei, vermittelt Werte, fördert die Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit, die Entwicklung eines ästhetischen Bewusstseins sowie die Fähigkeit zu Toleranz und sozialem Verhalten, insbesondere im interkulturellen Austausch.“ In diesem Rahmen bietet Theater einen ganz besonderen Zugang für Kinder und Jugendliche in der Verbindung von ästhetischer Bildung mit eigenem praktischem, künstlerischem Handeln. Leider ist der zitierte Anspruch im vorliegenden Bildungsplan nicht eingelöst.

„Kultur 2020 – Kunstpolitik für Baden-Württemberg“ postuliert auf Seite 41: „Kulturelle Bildung ist essenzieller Bestandteil des Bildungsauftrags der Schule“. Bereits 2006 forderte die „UNESCO-Road Map zur Kulturellen Bildung“ eine Stärkung der Kulturellen Bildung an Schulen. Diese Forderung wurde auch von der „Enquete-Kommission ‚Kultur in Deutschland‘ des Deutschen Bundestages“ im Jahr 2007 unterstützt.

Warum erfährt die Kulturelle Bildung, entgegen der Forderungen in den letzten Jahren, so wenig Bedeutung? Warum wird Kulturelle Bildung nicht Leitperspektive im neuen Bildungsplan?

Aus unserer Sicht ist es dringend notwendig, Kulturelle Bildung als Leitperspektive im Bildungsplan zu verankern. Die Leitperspektive Medienbildung ist aus unserer Sicht Teil der Kulturellen Bildung. Ändern Sie den Oberbegriff und machen Sie dadurch die Wichtigkeit deutlich!

Im vorliegenden Bildungsplan finden sich Elemente der Kulturellen Bildung, aber es ist keine Systematik zu erkennen, die den Lehrerinnen und Lehrern die Notwendigkeit der Kulturellen Bildung als gesamtgesellschaftliches Anliegen vermittelt.

Folgender Grundgedanke sollte sich im Bildungsplan wiederfinden: Es gilt, die Wichtigkeit ästhetisch-kommunikativer Wahrnehmungsweisen als eine gesellschaftliche Aufgabe zu

begreifen. In einer Welt, die dazu tendiert, nur noch Eindrücke zu vermitteln, geht die Eigenschaft verloren, diese Eindrücke emotional und intellektuell so zu verarbeiten, dass ein sinnstiftender Zusammenhang in der Wahrnehmung der Welt hergestellt werden kann. Es geht um eine ästhetische Bildung, die die Bereitschaft fördert, nicht mehr nur äußeren Eindrücken zu folgen, sondern die eigene Kreativität zu entdecken und andere, neue Wahrnehmungsweisen zu ermöglichen. Dieser Leitgedanke und seine Verankerung im Bildungsplan ist die logische Konsequenz aus „Kultur 2020“ – wenn man dieses Schriftstück ernst nimmt.

Anmerkungen zu den einzelnen Bildungsplänen

Aus der Perspektive der Kulturellen Bildung erscheint Theater als eine Kunstsparte und Kulturtechnik, aus deren Eigenarten spezielle kunst- und kulturpädagogische Methoden hervorgegangen sind, um die Bildungspotentiale der Theaterkunst wirksam zu machen. Theater ist eine darstellende Kunst und kann aus soziologischer Sicht als eine Sonderform sozialer Interaktion gelten. Theater macht sich dabei nahezu alle künstlerischen Ausdrucksformen zu eigen und setzt sie jeweils neu zueinander in Beziehung. Wir bedauern, dass das Fach Theater auch bei dieser Bildungsplanreform wieder keinen Einzug in den Fächerkanon gefunden hat.

Allgemeine Anmerkungen zum Bildungsplanentwurf Gymnasium

Literatur und Theater

Wir finden großartig, was im Bildungsplan Literatur und Theater verankert wurde. Dieser Bildungsplan spiegelt das aktuelle Theaterverständnis wider, benutzt ein modernes Vokabular, ist systematisch aufgebaut und bietet ein praktikables Handlungsrepertoire im Sinne der Kompetenzbildung.

Es ist daher umso bedauerlicher, dass diesem gelungenen Bildungsplan ein Fundament in den darunter liegenden Klassenstufen fehlt.

Wir hoffen sehr, dass der neue Bildungsplan für Literatur und Theater bereits im nächsten

Schuljahr in Kraft tritt.

Deutsch

In der Anhörungsfassung finden sich Aspekte der Kulturellen Bildung und des Einsatzes von Theater und Theaterpädagogik. Es wäre aus unserer Sicht wünschenswert, wenn diese geschärft werden könnten, d.h. Erfahrungsräume für das Ausprobieren zu schaffen und das konkrete Handeln bei der Kompetenzausbildung zu fördern. Im Anhang finden sich konkrete Beispiele, wie das umgesetzt werden könnte.

Des Weiteren sollte das im Bildungsplan Literatur und Theater dargestellte Verständnis des Theaterbegriffs auch im Bildungsplan Deutsch seinen Niederschlag finden. Dies ist den Verfassern des Bildungsplans Deutsch leider nicht gelungen.

Anmerkung zum Bildungsplanentwurf Sekundarstufe

Es gilt im Bildungsplanentwurf Sekundarstufe die Aspekte zu stärken, die den Schülerinnen und Schülern eine Erprobung ihrer sprachlichen Äußerungen ermöglichen und ihnen dabei einen gestalterischen Erfahrungsraum bieten. Speziell szenisches Spiel und performatives Handeln ermöglichen sich leiblich-seelisch in szenischen Aktionen und Situationen neu und anders zu erfahren. Theatrale Formen geben wesentlich Impulse zur Differenzierung des sprachlichen Ausdrucksvermögens. Das szenische Spiel wird zu einem Erprobungsfeld für Perspektivübernahme und für das Ausloten der eigenen Identität. Wesentlich ist, dass die Möglichkeit zum Präsentieren besteht, d.h. dass Situationen geschaffen werden, in denen Schülerinnen und Schüler ihre Körpersprache – mit und ohne Stimme – einsetzen, sie gestalten und bewusst unterscheiden zwischen privaten und performativen Situationen in der Kommunikation und Präsentation.

Die Schülerinnen und Schüler können durch szenisches Spiel und performatives Handeln bei der Arbeit an einer gestalteten Figur eigene und fremde Identitäten erkennen sowie reflektieren und dadurch in Distanz zu sich selbst treten. Sie sehen sich in Beziehung zu Figuren, in denen sich fremde literarische, historische, kulturelle oder soziale Wirklichkeiten widerspiegeln und nehmen damit Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven wahr.

In diesem Sinne sollte der Bildungsplan erweitert und ergänzt werden, damit sich ein aktuelles Verständnis theatraler Formen vermittelt und Erprobungs- und Erfahrungsräume für eine nachhaltige Wirkung geschaffen werden.

Anmerkung zum Bildungsplanentwurf Grundschule

Insgesamt ergeben sich in vielen Fächern Bezüge zum Bereich Theater / Darstellendes Spiel. Diese sind aber teilweise für Lehrkräfte nur schwer zu erkennen und es wird nicht nachdrücklich auf eine Umsetzung verwiesen.

So bei Deutsch S.18: Präsentieren / Denkanstöße: „Wie sind theatrale Formen dauerhaft und

wiederkehrend im Schulcurriculum verankert?“

Als Gegenbeispiel sei hier genannt: Prozessbezogenen Kompetenzen / Lesen … „Mindestens eine verbindliche Buchpräsentation ist in den Klassen 1/2 und in den Klassen 3/4 verpflichtend.“ (BP GS S.5)

Könnte man diese Verbindlichkeit nicht auch für die Erarbeitung eines Theaterstücks oder

Theaterbesuche herstellen?

Grundsätzlich wird Theater im BP eigentlich nur als methodischer Ansatz gesehen und nicht als kultureller Wert an sich. Hier wären dringend Bezüge zur Kulturellen Bildung herzustellen. Die Idee, dass Kinder in der Grundschule intensiv mit den Kunstformen Tanz, Theater und Bildende Kunst in Berührung kommen, sollte explizit und verbindlich verankert

werden. Auch dazu wäre eine Leitperspektive „Kulturelle Bildung“ hilfreich. Sie könnte dafür

eine Begründung und Klammer bieten.

Konkrete Veränderungsbeispiele zu den Bildungsplanentwürfen in unserem dargelegten

Sinne finden sich in den schulartspezifisch unterteilten Anhängen.

Abschließend soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass eine Leitperspektive Kulturelle Bildung als Grundsäule schulischer Bildung verankert werden sollte, um die Wichtigkeit dieser Bildungskomponente zu zementieren. Da ein durchgehendes Schulfach Theater für diese Bildungsplanreform offenbar zu visionär ist, bedarf es aber aufgrund der Realität des etablierten, abiturrelevanten Faches Literatur und Theater wenigstens der verbindlichen Integration theatraler Elemente in den Bildungsplänen der anderen Fächer, um eine solide Vorbereitung des Fachs in der Kursstufe zu sichern.

Wir danken Ihnen für Ihre Arbeit und freuen uns, wenn wir mit unseren Anliegen ernst genommen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Heike Kienle-Weber, Christian Schulz, Ines Schönberger, Andrea Kalenberg und Jürgen Mack für den Vorstand des LVTS Baden-Württemberg

LVTS Baden-Württemberg e.V. c/o LAG Theaterpädagogik Heppstr. 99/1

72770 Reutlingen